LUDWIG-RICHTER-STRASSE 11, ZWICKAU


Erbaut: 1908/09
Architekt: Gustav Hacault

Saniert: 1994
Architekt: Kurt Fliegerbauer
Typ: Wohnhaus, Sanierung


„Menschen, die Kunst in den Gegenständen des täglichen Gebrauchs verlangen, sind Verbrecher auf dem Gebiet des Geistes.
Sie sperren dem Künstler den Weg und vergrößern die Entfernung zwischen Menschheit und Kunst. Sie sind es, die dafür verantwortlich gemacht werden müssen, dass man von der Kunst verlangt, sie möge schön sein. Denn der, der ein Paar Stiefel und ein Gemälde auf dieselbe Stufe stellt, wird nie imstande sein, die Größe eines Gemäldes zu empfinden.“ (Zitat Adolf Loos aus dem Buch „Das Werk des Architekten“, Wien 1903)
Zwickauer Städteplaner schufen um die Jahrhundertwende in Weißenborn ein nobles Wohnviertel vor den Toren der Stadt.
In ländlicher Umgebung, fernab vom Stadtlärm, entstanden an der nach dem Maler Ludwig Richter benannten Straße eine Anzahl schöner vornehmer Villen mit großen Gartengrundstücken.
In dieser Art Vorstadtprovinz konnten sich verschiedenartige Architekturideen ungehindert entfalten, die keineswegs provinziell waren, sondern dem Stadtteil ein ganz eigenes Flair verliehen. Dieses Flair ist bis heute erhalten. Nach wie vor ist Weißenborn einer der beliebtesten Stadtteile von Zwickau.
Das Haus Ludwig-Richter-Straße 11 ist, inspiriert vom englischen Landhausjugendstil, liebenswürdig, angenehm, anmutig und vital.
Der Architekt Gustav Hacault, einer der bemerkenswerten und bekanntesten Zwickauer Architekten jener Zeit, hat ein Domizil geschaffen, das innerhalb der Straße eine Ausnahme bildet. Es ist ein Haus, wie es auch in der Künstlerkolonie in Darmstadt vorzufinden ist, in der der bekannte Architekt Joseph Maria Olbrich (1867-1908) Gebäude dieser Art verwirklicht hat.
Die Aufteilung des Inneren ist klassisch und planerisch perfekt. Im Zentrum des Hauses befindet sich das großzügig angelegte Treppenhaus. Wohnzimmer, Speisezimmer, Küche und Gäste-WC gruppieren sich um die Vorhalle.
Im Aufgang ist ein großes Rundbogenfenster, das zur Mittelachse des Gartens ausgerichtet ist und einen wunderschönen Blick in diesen erlaubt. Um das Treppenhaus herum sind die Zugänge zum Schlafzimmer, Badezimmer, zur Bibliothek und zum Gästezimmer; eine weitere Treppe führt in das ausgebaute Dachgeschoß.
Mit der künstlerischen Fensteraufteilung entsteht dort innerhalb des Hauses eine neue Atmosphäre, verspielt, romantisch, gemütlich. Im Dachgeschoß gibt es zwei Zimmer und ein weiteres Bad. Der Keller ist modern mit Sauna, Fitnessraum und einem separaten Weinkeller eingerichtet.
Bei der Rekonstruktion und Restauration wurde mit Akribie darauf geachtet, dass die stilvollen Einbauten und Accessoires sorgfältigst wieder aufgearbeitet wurden.
Besonders hervorzuheben sind die feuervergoldeten Tür- und Fensterbeschläge, die im Jugendstildesign angefertigten Heizkörperverkleidungen aus Holz, die kassettenornamentierten Türblätter und die grau lasierten alten Parkettböden. Das Gartenhäuschen ist ebenfalls ein schönes Beispiel der Jugendstilarchitektur.
Die Innenarchitektur ist eine Symbiose aus alt und neu. Während die Bibliothek und das Speisezimmer eher den Charakter der alten Zeit repräsentieren, sind Bäder, Sauna und die Funktionsräume sehr modern. Dieselbe Gegensätzlichkeit findet man in den Gemälden und Kunstgegenständen.
Moderne Malerei harmoniert – oder harmoniert nicht – mit Möbeln der Jahrhundertwende, antiken Plastiken und Barocktruhen.